Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Studium und Lehre – Hochschulentwicklung zwischen Sprachideologien, Zugehörigkeit und Studienerfolg

Herausgeberinnen:

F. Böttjer und M. David-Erb

Geplantes Erscheinungsdatum: September 2027

Ausgangspunkt und Zielsetzung

Die sprachliche Diversifizierung der Studierenden im Zuge von Migration und Internationalisierung stellt Hochschulen vor tiefgreifende didaktische, strukturelle und kulturelle Entwicklungsaufgaben (Heuchemer et al. 2020; Rech 2012). Während Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext seit Jahren intensiv beforscht wird (Gogolin 1994, Gomolla & Radtke 2009), fehlt es im tertiären Bildungsbereich allerdings bislang an systematischen Analysen, institutionellen Strategien und hochschuldidaktischen Konzepten, die migrationsbedingte Mehrsprachigkeit und sprachliche Heterogenität explizit berücksichtigen (Karakas 2011; Wolf et al. 2021; für erste schreibbezogene Ansätze etwa Huemer et al. 2019).

Empirische Studien deuten darauf hin, dass migrationsbedingt mehrsprachige Studierende im Studium spezifischen sprachbezogenen Anforderungen, normativen Sprachideologien und Erfahrungen eingeschränkter Zugehörigkeit begegnen können (Basit et al. 2006; Dobutowitsch 2020; Naumann 2011; Gülen 2021). Diese wirken sich potenziell auf Studienverläufe, Selbstkonzepte, Beteiligungsmöglichkeiten und Studienerfolg aus und können auch mit erhöhten Abbruchquoten einhergehen (Wolf et al. 2021). So reproduziert das Hochschulsystem jene Mechanismen, die im schulischen Bereich längst als problematisch identifiziert wurden. Denn Sprache fungiert auch im tertiären Bildungssektor nicht nur als Mittel der Verständigung, sondern als zentrales Medium von Zugehörigkeit, Macht und Differenz (Karakaşoğlu et al. 2013 & 2017; Panagiotopoulou 2017). Es ist Aufgabe einer kritischen Hochschulentwicklung, dies zur Kenntnis zu nehmen, Praktiken zu reflektieren und sie weiterzuentwickeln. Denn zugleich bergen mehrsprachige Ressourcen erhebliche Potenziale für reflexive Lehr-Lern-Formate, diversitätssensible Hochschuldidaktik und innovative Organisationsentwicklung.

Das Themenheft zielt darauf, migrationsbedingte Mehrsprachigkeit als Gegenstand systematischer Hochschulentwicklung zu adressieren. Im Fokus stehen Fragen wie:

  • Inwiefern sind sprachbezogene Anforderungen in Studium und Lehre institutionell verankert?
  • Welche impliziten und expliziten Sprachideologien strukturieren hochschulische Praxis?
  • Wie beeinflussen sprachliche Zuschreibungen Prozesse der Zugehörigkeit, Teilhabe und Exklusion?
  • Welche didaktischen, strukturellen und organisationalen Entwicklungsstrategien sind geeignet, um sprachliche Diversität produktiv zu gestalten?
  • Wie lassen sich Innovationsprozesse im Umgang mit Mehrsprachigkeit nachhaltig institutionalisieren?
  • Welche organisationalen Voraussetzungen braucht es, damit sprachsensible Konzepte institutionell nachhaltig verankert werden können?
  • Wie wirken sich sprachsensible Lehrformate auf den Studienerfolg aus?
  • Welche Relation besteht zwischen sprachlicher Teilhabe und dem Studienverlauf?

Das Themenheft versteht sich als Beitrag zur wissenschaftlich fundierten Hochschulentwicklung und möchte Forschung, Entwicklung und institutionelle Praxis in einen systematischen Dialog bringen.

Thematische Schwerpunkte

Beiträge können sich unter anderem mit folgenden Aspekten befassen:

1. Didaktische Entwicklungen

  • Analyse sprachbezogener Anforderungen in Lehrveranstaltungen
  • Translanguaging-orientierte oder sprachsensible Lehrkonzepte
  • Design-Based-Research-Projekte zur sprachbezogenen Lehrinnovation
  • Reflexion hochschuldidaktischer Professionalisierungsformate

2. Mehrsprachigkeit, Diversität und Teilhabe

  • Zugehörigkeit, Identitätskonstruktionen und sprachliche Positionierungen (z. B. Prozesse der Selbst- und Fremdpositionierung entlang sprachlicher Normen, Mehrsprachigkeit und akademischer Legitimität)
  • Studienverläufe und Dropout im Zusammenhang mit sprachbezogenen Erfahrungen
  • migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in spezifischen Studienformaten (z. B. Lehramt, MINT, wissenschaftliche Weiterbildung)

3. Institutionelle Rahmung und Steuerung

  • Sprachideologien in Prüfungsordnungen, Curricula und Qualitätssicherung
  • Governance-Perspektiven auf Diversität und Mehrsprachigkeit
  • Steuerung von Innovationsprozessen im Bereich sprachsensibler Lehre
  • Institutional-Research-Beiträge zur sprachbezogenen Hochschulentwicklung

4. Professionalisierung und Third Space

  • Kompetenzentwicklung von Lehrenden im Umgang mit sprachlicher Diversität
  • Beratungs-, Mentoring- und Supportstrukturen
  • Rolle von Diversity- und Internationalisierungsstellen

5. Theoretische und methodologische Perspektiven

  • kritische Sprachforschung im Hochschulkontext
  • intersektionale Analysen sprachbezogener Ungleichheit
  • methodologische Reflexionen zur Erforschung sprachlicher Praktiken im Studium

 

Beitragsformate

Alle Beiträge unterliegen dem Peer-Review-Verfahren und sind im APA 7-Stil (aktuelle Auflage) zu verfassen.

Umfang: 20.000–33.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Literatur- und Autor:innenangaben).

Das Themenheft orientiert sich an den üblichen Rubriken der ZFHE:

Forschungsbeiträge

Empirische odertheoretisch-konzeptionelle Arbeiten mit klar ausgewiesener Forschungslücke, fundierter methodischer Herangehensweise und substanziellem Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs der Hochschulforschung.

Ein Forschungsbeitrag

  • behandelt eine systematische Frage in trans-, inter- oder fachdisziplinären Zusammenhängen;
  • hat eine Forschungslücke als Ausgangspunkt;
  • weist eine umfangreiche Einbettung in den wissenschaftlichen Diskurs auf;
  • verfügt über eine robuste methodische Herangehensweise
  • beinhaltet eine Reflexion der eigenen Arbeit
  • stellt das forschungsmethodische Vorgehen dar;
  • setzt eine Methode ein, die sich sehr gut eignet, um die Forschungsfrage zu beantworten;
  • stellt den wissenschaftlichen Diskurs reflektiert dar;
  • bietet einen deutlich erkennbaren Mehrwert bzw. Beitrag zur Beantwortung der Forschungsfrage respektive der Forschungsdiskussion
  • folgt konsistent einschlägigen Regeln der Zitation

Forschungsgeleitete Entwicklungsbeiträge

Beiträge mit ausgewiesener Hochschulentwicklungsperspektive, die auf systematischer Datengrundlage beruhen (z. B. Institutional Research, Evaluationsstudien, Design-Based Research) und die Verbindung von Forschung und Entwicklung reflektieren.

Ein Forschungsgeleiteter Entwicklungsbeitrag:

  • bietet eine Hochschulentwicklungsperspektive mit fundierter Forschungsbasierung
  • erörtert und differenziert ein systematisches Problem der Lehrentwicklung
  • ist ein wissenschaftlich reflektierter „Institutional Research“-Beitrag
  • wird durch einen Literaturüberblick unterstützt;
  • erkennbare Adressierung der Wissenschafts-Praxis-Kommunikation und/oder der Verbindung zwischen den beiden Polen „Forschung und Entwicklung“

Entwicklungsbeiträge

Systematisch dargestellte Praxisprojekte zur Gestaltung sprachsensibler Hochschullehre oder institutioneller Strukturen, mit Transferüberlegungen und theoretischer Einbettung.

Ein Entwicklungsbeitrag:

  • behandelt ein konkretes Problem der Hochschulentwicklung in der (eigenen) Hochschule
  • stellt ein Praxisdesiderat dar
  • ist in die wissenschaftliche Diskussion und Literatur eingebettet (jedoch ohne den Anspruch, einen Überblick über die Literatur zu erhalten)
  • bietet Anregungen zur Lehr- und Hochschulentwicklung ggf. mit Handlungsempfehlungen
  • folgt einer systematischen und transparenten Darstellung (z. B. keine unverständlichen Hinweise auf Spezifika und Details in einem Praxisfeld)
  • arbeitet generalisierbare Aspekte und Faktoren im Sinne einer Theoriebildung heraus
  • beinhaltet ersichtliche Transferüberlegungen
  • benennt Forschungsdesiderate

Zielgruppe

Das Themenheft richtet sich an:

  • Hochschulforscher:innen
  • Hochschuldidaktiker:innen
  • Leitungspersonen und Qualitätsentwickler:innen
  • Third Space Professionals
  • Verantwortliche für Diversität, Internationalisierung und Studium & Lehre

 Zeitplan

  • Veröffentlichung des Calls: 15. September 2026
  • Einreichung von Abstracts (max. 500 Wörter): 01. November 2026
  • Rückmeldung: 20. Dezember 2026
  • Einreichung der Beiträge: Februar/März 2027
  • Begutachtung: April/Mai 2027
  • Überarbeitung: Juni/Juli 2027
  • Veröffentlichung: September 2028

Einreichung

Abstracts (max. 500 Wörter) senden Sie bitte bis zum 1. November 2026 an:

boettjer@em.uni-frankfurt.de

david-erb@em.uni-frankfurt.de

Betreff: ZFHE-Themenheft „Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Studium und Lehre“ – Abstract

Zentrale Literatur

Ackermann, L., & N. Karakaş (Hrsg.), Vielfalt im Lehrerzimmer: Selbstverständnis und schulische Integration von Lehrenden mit Migrationshintergrund in Deutschland (S. 214–241). Waxmann.

Basit, T. N., Roberts, L., McNamara, O., Carrington, B., Maguire, M., & Woodrow, D. (2006). Did they jump or were they pushed? Reasons why minority ethnic trainees withdraw from initial teacher training courses. British Educational Research Journal, 32(3), 387–410. https://doi.org/10.1080/01411920600635471

Dobutowitsch, F. (2020). Lebensweltliche Mehrsprachigkeit an der Hochschule: Eine qualitative Studie über die sprachlichen Spielräume Studierender. Waxmann.

Fabel-Lamla, M., & Klomfaß, S. (2014). Lehrkräfte mit Migrationshintergrund: Habitussensibilität als bildungspolitische Erwartung und professionelle Selbstkonzepte. In T. Sander (Hrsg.), Habitussensibilität: Eine neue Anforderung an professionelles Handeln. Springer VS.

Georgi, V. B., Ackermann, L., & Karakaş, N. (Hrsg.). (2011). Vielfalt im Lehrerzimmer: Selbstverständnis und schulische Integration von Lehrenden mit Migrationshintergrund in Deutschland. Waxmann.

Gogolin, I. (1994). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Waxmann.

Gomolla, M., & Radtke, F.-O. (2009). Institutionelle Diskriminierung: Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule (2. Aufl.). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Gülen, S. (2021). Lehramtsstudium mit Migrationshintergrund. Springer VS.

Heuchemer, S., van Treeck, T., & Szczyrba, B. (Hrsg.). (2020). Hochschuldidaktik als Akteurin der Hochschulentwicklung. W. Bertelsmann Verlag.

Huemer, B., Lejot, E., & Deroey, K. L. B. (Hrsg.). (2019). Academic writing across languages: Multilingual and contrastive approaches in higher education. Böhlau.

Karakaş, N. (2011). Benachteiligungs- und Diskriminierungserfahrungen. In V. B. Georgi,

Karakaşoğlu, Y., & Wojciechowicz, A. (2017). Muslim_innen als Bedrohungsfigur für die Schule – Die Bedeutung des antimuslimischen Rassismus im pädagogischen Setting der Lehramtsausbildung. In K. Fereidooni & M. El (Hrsg.), Rassismuskritik und Widerstandsformen (S. 507–528). Springer VS.

Karakaşoğlu, Y., Wojciechowicz, A., & Kul, A. (2013). Erfahrungen mit Fremdheitszuweisungen bei LehramtsanwärterInnen mit Migrationshintergrund in Praktikum und Referendariat. Journal für LehrerInnenbildung, 3, 15–19.

Naumann, I. (2011). Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund an der Universität Kassel: Eine Analyse qualitativer Interviews im Rahmen des Projektes „Mentoring für Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund“. Universität Kassel.

Panagiotopoulou, A. (2017). Mehrsprachigkeit und Differenzherstellung in Einrichtungen frühkindlicher Erziehung und Bildung. In I. Diehm, M. Kuhn, & C. Machold (Hrsg.), Differenz – Ungleichheit – Erziehungswissenschaft (S. 257–274). Springer VS.

Rech, J. (2012). Studienerfolg ausländischer Studierender: Eine empirische Analyse im Kontext der Internationalisierung der deutschen Hochschulen. Waxmann.

Wolf, K., Maurer, C., & Kunter, M. (2021). “I don’t really belong here”: Examining sense of belonging in immigrant and non-immigrant teacher students. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 53(1–2), 1–14.

Hinweise zur Zeitschrift

Die ZFHE ist ein referiertes Online-Journal für wissenschaftliche Beiträge mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung. Der Fokus liegt dabei auf den didaktischen, strukturellen und kulturellen Entwicklungen in Lehre und Studium. Dabei werden in besonderer Weise Themen aufgenommen, die als innovativ und hinsichtlich ihrer Gestaltungsoptionen noch als offen zu bezeichnen sind. Die ZFHE wird von einem Konsortium von europäischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern herausgegeben. Weitere Informationen: https://www.zfhe.at.

Review-Verfahren

Sämtliche eingereichten Beiträge werden in einem „double-blind“ Peer-Review-Verfahren auf ihre wissenschaftliche Qualität überprüft. Die Herausgeber:innen eines Heftes schlagen die Gutachter:innen für den jeweiligen Themenschwerpunkt vor und weisen die einzelnen Beiträge den Gutachter:innen zu; sie entscheiden auch über die Annahme der Beiträge. Die Auswahl der Gutachter:innen und der Begutachtungsprozess werden bei jedem Themenheft jeweils von einem Mitglied des Editorial Boards begleitet.

Formatierung und Einreichung

Um bei der Formatierung der Beiträge wertvolle Zeit zu sparen, möchten wir alle Autorinnen und Autoren bitten, von Beginn an mit der Formatvorlage zu arbeiten, die auf der Homepage der ZFHE heruntergeladen werden kann:

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Farina Böttjer & Melanie David-Erb